Donnerstag, 19. Juli 2012

Kein billiger Trost und keine Augenwischerei, aber jede Menge Tankstellen für Kinderseelen!


Christiane Tilly und Anja Offermann (Text), Anika Merten (Illustrationen)

Mama Mia und das Schleuderprogramm

(Kindern Borderline erklären)


erschienen im BALANCE buch + medien-Verlag   ISBN 978-3867390750  12,95 €

 
Mama Mia! – Ein Schreckensruf, wenn es knüppeldick kommt. Augenzwinkernd ergänzt um den Begriff des Schleuderprogramms ist er der Titel des Büchleins von Christiane Tilly und Anja Offermann.  Ein Buch über die kleine Mia, deren Mama am Borderline-Syndrom leidet. Was soll das? Wer soll das lesen? – Eigentlich wir alle. Und zwar gemeinsam mit den Kindern - und nicht nur mit den eigenen. Ausdrücklich werden als Zielgruppe PädagogInnen und BeraterInnen genannt. Vorstellbar wäre es auch im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. Aber last but not least ist es auch wertvolle Lektüre für Eltern, die ahnen, dass es bei der besten Freundin der Tochter daheim nicht rund läuft, dass da vielleicht mehr ist, als ‚nur‘ ein normales Problem. ‚Rund‘ läuft bei Mia nämlich fast gar nichts: ihre Mutter kann trotz ihrer Liebe, der kleinen Tochter vieles nicht geben, was für andere Familien selbstverständlich ist: Schutz, zuverlässige Tagesabläufe, Empathie. Manchmal passieren auch richtig schlimme Sachen. Die Mutter verletzt sich und Mia versteht im tiefsten Sinne dieses Wortes die Welt nicht mehr.  Dann schaltet ihr Leben in den ‚Schleudergang, wird chaotisch und trostlos.
Aber da sind ja auch noch Mias beste Freundin und deren Mutter, die Kioskbesitzerin und die nette Ärztin. Menschen, die nicht wegschauen. Ohne den abgedroschenen Begriff des Netzwerkes zu kennen, erfährt Mia, wie toll es ist, aufgefangen zu werden. Ganz konkret. Im Alltag. Mitmenschen als Tankstellen für die Seele, nicht nur wenn es ganz schlimm wird, sondern auch mal einfach so. Weil Mia es wert ist. Weil Mia verstehen will, was um sie herum vorgeht. Aber kann man über ein so schwieriges Thema wie ein psychiatrische Erkrankung eines Elternteils überhaupt mit einem Kind sprechen? Und ob! Wenn man es ihr altersgerecht erklärt, versteht Mia nämlich einiges – sie ist ja nicht dumm und muss sowieso schon (viel zu) viele Pflichten übernehmen. Und Schritt für Schritt erhält das Schleuderprogramm ihres Lebens, in dem Gefühle unkontrolliert durcheinander wirbeln, wieder verlässliche Rhythmen. Und dann wird auch noch Mias größter Wunsch erfüllt – und zwar nicht als krönender Abschluss, sondern als hoffnungsfroher Neubeginn.

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Nun eine Anmerkung der Rezensentin, die aus meinem persönlichen und politischem Hintergrund resultiert: Seit vielen Jahren begleite ich immer wieder Kinder und Jugendliche aus teilweise schwierigen häuslichen Verhältnissen. Jede Schlagzeile, die von ausgehungerten, total verwahrlosten Kindern in Messi-Haushalten kündet, trifft mich ins Herz. Manchmal sterben diese Kinder und es ist ein leiser Tod, denn ihnen fehlt die Kraft auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Ist der kleine Sarg abtransportiert, dann schreien dafür die Medien umso lauter. Unterstützt von der wohlfeilen öffentlichen Empörung weiß man dann schon, auf wen man mit dem Finger zu zeigen hat: auf die Ämter, auf die Eltern – auf jeden Fall auf die anderen. Die Emotionen kochen hoch in Leserbriefen, man stellt Kerzen und Plüschtiere auf und weint heftige Krokodilstränen. Die Autorinnen von ‚Mama Mia und das Schleuderprogramm‘ betreiben keine Augenwischerei, schon gar nicht bei Krokodilstränen. Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um ihre Aufforderung zu erkennen: Augen auf und hinschauen – und zwar über den eigenen Tellerrand. Kindern eine Anlaufstätte bieten – und nicht zuletzt: die Bereitstellung von professioneller Hilfe. Insofern fordert dieses Büchlein etwas ein, das von privater Seite nicht geleistet werden kann und auf direktem Wege in die gesellschaftspolitische Diskussion führt. Wenn Kinder wie Mia (körperlich) überleben, bleiben sie nämlich oft genug im Schleudergang – und werden aus der Kurve getragen. Ein Schleuderprogramm, das sich in der nächsten Generation fortsetzt. Das muss nicht sein, führen uns die Autorinnen eindrücklich vor Augen. Aber: Stellenausbau bei den vielgescholtenen Jugendämtern? Fehlanzeige – Stellenabbau ist vielerorts das Gebot der Stunde. Was brauchen ‚unsere‘ Kinder (in unserer Gesellschaft) noch? Zum Beispiel gut ausgebildete Lehrer in ausreichender Zahl, erweiterte Schulsozialarbeit und verbesserten Zugang zu therapeutischer Hilfe. In unserem reichen Land müssen Betroffene oft wochen- ja monatelang auf ein erstes Beratungsgespräch warten. Mia und ihre Mutter, die durch eine Krankheit durchs Leben geschleudert werden, haben diese Zeit nicht. Aber die Schaffung von Ressourcen kostet Geld – Geld, das gut angelegt wäre, denn es entlastet die sozialen Systeme in der Zukunft. Selbstverständlich verkneifen sich die Autorinnen die Diskussion über diese Nachhaltigkeit, das ist auch nicht ihre Aufgabe – man kann es aber zwischen den Zeilen lesen. Im Grunde genommen ist es ein Aufruf, an eine solidarische Gesellschaft. Summa summarum: keine Augenwischerei über wohlfeile Kindertragödien. Auch kein billiger Trost – sondern eine verbesserte Wahrnehmung dessen, was für betroffene Familien getan werden kann und getan werden muss. Ganz konkret. Mit Kopf, Herz und Hand. Und mit Geld. 
© Dr. med. Ulrike Blatter      

Mittwoch, 11. Juli 2012

Eine neue Umlaufbahn für die Seele


Beate Felten-Leidel

Hasenherz und Sorgenketten – mein Leben mit der Angst


erschienen im BALANCE buch + medien-Verlag   ISBN 978-3867390743 14,95 €


Satelliten kreisen um Himmelkörper. Ängstliche Seelen kreisen um Probleme. Beate Felten-Leidel  hat über das Thema Angst ein kluges Buch geschrieben, das Betroffenen und Angehörigen Mut macht.
Wenn die Autorin eigene Beschwerden schildert, fragt man sich, ob wirklich eine einzige Person so viele Symptome zeigen kann. Glücklicherweise vergisst sie aber nie ihren Humor und hat auch sonst noch viel Brauchbares anzubieten, wenn sie sich kenntnisreich im Dschungel der negativen Emotionen voran arbeitet.  Systematisch und anschaulich schildert sie soziale Ängste genauso wie Körperängste und vergisst auch nicht die objektgebunden Ängste. Lesenswert wird das Buch vor allem durch Authentizität und fundiertes psychiatrisches Basiswissen.   
Dankenswert ist, dass Beate Felten-Leidel der Blick über den Tellerrand der eigenen Betroffenheit gelingt, indem sie ihre eigenen Ängste in den Kontext der sog. Kriegsenkelgeneration stellt. Sie schildert, welche Verheerungen die totgeschwiegenen Ängste der Eltern auch noch in der nächsten Generation anrichten können – bei Menschen, die jetzt mitten im Leben stehen. Die Autorin zeigt Wege auf, wie eine Versöhnung gelingen kann und macht  Mut für einen Neuanfang – auch in fortgeschrittenem Alter.
Außerdem widmet sich die Autorin einem zweiten Thema, das wahrscheinlich sogar viele Betroffene als irrelevant abtun: Grübeleien und nicht endende Sorgen, die nicht nur durchwachte Nächte, sondern ein ganzes Leben vergiften können. Sie schildert einfach umsetzbare Interventionen,  um aus dieser Sorgenspirale wieder herauszufinden. Ja, es gelingt ihr sogar diesen zermürbenden Nöten etwas Positives abzugewinnen: Frühwarnsystem helfen sie rechtzeitig  notwendige Veränderungen im Leben einzuleiten.
Therapeutisch bezieht sich die Autorin vorwiegend auf kognitive Methoden, die auch in Studien ihre Wirksamkeit bewiesen haben. Das Buch baut Brücken zu Menschen, die mit ihren Ängsten auf immer der gleichen Umlaufbahn um sich selbst kreisen. Es vergisst auch nicht die Angehörigen, macht Mut zur Selbsthilfe  und zeigt Therapiemöglichkeiten auf. Auch der sorgfältig ausgearbeitete Literaturteil bietet viele Anregungen – Zündstoff für alle, die starten wollen in eine neue Umlaufbahn, die nicht mehr Sorgen und Ängste in den Mittelpunkt stellt. 




Mittwoch, 2. März 2011

Von den Gefahren des Reisens

Als ich noch regelmäßig in Kosovo und Bosnien unterwegs war, machten sich ziemlich viele Leute ziemlich viele Sorgen um mich. Zugegeben, es waren keine normalen touristischen Routen, auf denen ich mich bewegte und manchmal bestand auch tatsächlich Anlass zur Sorge. Meine Gedanken beschäftigten sich allerdings weniger mit durchgeknallten Selbstmordattentätern oder expplodierenden Landminen, sondern mit banaleren Dingen: mir ging es in erster Linie um den Straßenverkehr. Kaputte Asphaltdecken, Autos mit erbarmungswürdigen Reifenprofilen, Fahrer, die von chronischer Selbstüberschätzung getrieben wurden (Wer ist Michael Schuhmacher, wer bitteschön ...?!!) - habe ich etwa vergessen die Sicherheitsgurte zu erwähnen? Warum wohl? Erraten?!
Also kurz und gut: subjektiv und objektiv betrachtet, war der Straßenverkehr das definitiv größte Risiko, welches ich auf meinen Reisen einging.
Aber wer hätte erwartet, dass mich dieses Problem auch auf meiner (Lese)Reise im Rheinland wieder einholt?

Es wird dunkel in Bonn. Nach längerem Zögern wage ich endlich den Schritt auf die Kreuzung. Die Zeichen stehen günstig: die Fußgängerampel hat auf Grün geschaltet und wenn ich mich beeile, habe ich gute Chancen, dass es diesmal gelingt. Aber schon wieder erwischt es mich. Diesmal von links ... eine geduckte Gestalt in tarnfarbener Kleidung, unbehelmt und mit wildem Blick saust um Haaresbreite an mir vorbei. Ich schaue auf die Fahrbahnmarkierungen. Nein, ich befinde mit NICHT auf dem Radweg - und während ich noch grüble, ob hier andere Verkehrsregeln gelten - springt die Ampel wieder auf Rot. Rechts und links heulen Automotoren auf. Verzweifelt kehre ich wieder auf an den Fahrbahnrand zurück. Empfängt mich dort etwa hämisches Grinsen der anderen Fußgänger? Was mache ich nur falsch?
Für mich steht fest: der Kampf zwischen Fußgängern und Radfahrern in Bonn ist einer der härtesten - allenfalls vergleichbar mit dem in Freiburg undMünster.
Es stellt sich die Frage: werde ich es in die Altstadt schaffen? Ich habe noch 30 Minuten - dann beginnt dort meine Lesung.
Beruhigend: ohne mich werden sie wohl kaum anfangen - oder?!

Dienstag, 1. März 2011

Übrigens - was ist eigentlich 'ne Lesung?

Das fragte mich ein 12-jähriges Mädchen in Köln, welches dann ganz fasziniert und konzentriert zuhörte - und danach noch jede Menge Fragen hatte ...
Eine Lesung ist also viel mehr, als 'nur' vorzulesen. Acht Tage lang hintereinander denselben Text zu lesen, ist schon eine Herausforderung - vor allem für die Stimme. Aber ganz ehrlich: niemals ist mir dabei langweilig geworden. Es ist vielleicht immer derselbe Text - aber niemals der gleiche! Zwischen Publikum und Vorleserin entsteht ein Energiefluss, der jede einzelne Lesung zu etwas ganz und gar Einzigartigem werden lässt


Lesung ist aber auch, wenn so etwas passiert: eine ganz besonders rührende Stelle - es wird ganz still - einige Zuhörer/innen haben Tränen in den Augen - Pause.
Eine ältere Dame steht auf und holt eine Kuchenplatte vom Tisch: "So, jetzt muss ich aber erstnmal eine Runde Streuselkuchen ausgeben - und jetzt: wer will Kaffee?!"
Nachdem alle gut geerdet und genährt sind, darf / kann ich weiterlesen.
Auch das ist Lesung!

Mittwoch, 23. Februar 2011

Heute morgen hatte ich wieder einmal in unserer Gemeindebücherei eine Lesung für eine 6. Klasse unserer Realschule - es schloss sich eine Büchereiführung an (Danke an Frau Jung!!) - und wir werden sicher wieder eine Menge neuer Leseratten für unsere Bibliothek gewonnen haben!

Da fällt mir eine schöne Sache ein, die ich  Rheinland immer wieder gesehen habe: öffentliche Bücherschränke. Eine sehr schöne und sicher nachahmenswerte Sache, die es (laut Wikipedia) in Baden-Württemberg leider erst an drei Orten gibt. 

Gestern schrieb ich ja über "Brennpunkte" - für jemanden, der für das geschriebe Wort "brennt", stellt sich immer wieder die Frage des Austausches. Bücher alleine zu lesen macht oft nur wenig Sinn - für mich ist der Austausch, der Dialog, meinetwegen auch der Streit über das gedruckte Wort wichtig - deswegen lesen wir uns in unserer Familie auch immer wieder Zeitungsartikel oder Buchkapitel gegenseitig vor ...

Es stellt sich die Frage: wie kann der Austausch von Büchern auch an solchen Orten intensiviert werden, die man gemeinhin als "bildungsfern" bezeichnet?
Öffentliche Bücherschränke sind hier ein guter Ansatz - ich habe mit einigen Betreibern gesprochen. Vandalismus gab es so gut wie nie, kein einziger Bücherschrank hat je gebrannt (was durchaus eine Sorge war), teilweise wurden die Schränke in einer Nacht-und Nebelaktion mit Graffiti verziert. An manchen Tagen quellen sie über, an anderen Tagen liegen nur zwei, drei Bücher drin ...
Ehrensache, dass ich einen Schrank in Köln-Kalk ebenfalls bestückt habe. Ich habe zu diesem Zweck mein Buch übrigens mit einem Label von bookcrossers versehen - doch dazu morgen mehr!

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96ffentlicher_B%C3%BCcherschrank

Dienstag, 22. Februar 2011

Lesen in Köln

Letzte Woche war ich im Rheinland unterwegs - ein paar nette Begebenheiten möchte ich mit Euch teilen!

Zum Beispiel diese Lesung in einer Kölner Bäckerei in einem sogenannten sozialen Brennpunkt. Die Lesung war gut besucht, Teller- und Löffelgeklapper und die kritische Anmerkung einer älteren Dame. "Wir sin ävver net hierherjekomme um ne Krimi ze höre, sondern um jet zu schwade ..." - aber dann war die Spannung doch stärker als der schwärzeste Kaffee - und Ruhe kehrte ein - nun ja, nicht gerade Friedhofsruhe, aber doch beinahe... 

Hinterher unterhielt ich mich mit dem Besitzer der Bäckerei über so naheliegende Themen wie soziale Gerechtigkeit und Stadtteilentwicklung. Er sprach mir von Gentrifizierung. Ich musste das auch erst einmal nachschlagen.Ich bin weiterhin fest davon überzeugt, dass es keine Gerechtigkeit auf dieser Welt gibt, schon gar nicht in Stadtteilen mit hoher Fluktuation, aber ich sage das nicht laut. Zumindest nicht in einer Brennpunktbäckerei mit köstlichem Hefegebäck.Erwähnte ich bereits das Problem der Korruption?

Erwähnte ich, dass man lange und vergeblich auf die Verbesserung der Verhältnisse warten kann - aber vielleicht auch etwas tun sollte? Guckst du: http://www.stiftungkalkgestalten.de/