Christiane Tilly und Anja Offermann (Text), Anika Merten (Illustrationen)
Mama Mia und das Schleuderprogramm
(Kindern Borderline erklären)
erschienen im BALANCE buch +
medien-Verlag ISBN 978-3867390750 12,95 €
Mama Mia! – Ein Schreckensruf, wenn es knüppeldick kommt. Augenzwinkernd
ergänzt um den Begriff des Schleuderprogramms ist er der Titel des Büchleins
von Christiane Tilly und Anja Offermann. Ein Buch über die kleine Mia, deren Mama am
Borderline-Syndrom leidet. Was soll das? Wer soll das lesen? – Eigentlich wir
alle. Und zwar gemeinsam mit den Kindern - und nicht nur mit den eigenen. Ausdrücklich
werden als Zielgruppe PädagogInnen und BeraterInnen genannt. Vorstellbar wäre
es auch im Wartezimmer einer Kinderarztpraxis. Aber last but not least ist es auch
wertvolle Lektüre für Eltern, die ahnen, dass es bei der besten Freundin der
Tochter daheim nicht rund läuft, dass da vielleicht mehr ist, als ‚nur‘ ein normales
Problem. ‚Rund‘ läuft bei Mia nämlich fast gar nichts: ihre Mutter kann trotz
ihrer Liebe, der kleinen Tochter vieles nicht geben, was für andere Familien
selbstverständlich ist: Schutz, zuverlässige Tagesabläufe, Empathie. Manchmal
passieren auch richtig schlimme Sachen. Die Mutter verletzt sich und Mia
versteht im tiefsten Sinne dieses Wortes die Welt nicht mehr. Dann schaltet ihr Leben in den
‚Schleudergang, wird chaotisch und trostlos.
Aber da sind ja auch noch Mias beste Freundin und deren
Mutter, die Kioskbesitzerin und die nette Ärztin. Menschen, die nicht
wegschauen. Ohne den abgedroschenen Begriff des Netzwerkes zu kennen, erfährt
Mia, wie toll es ist, aufgefangen zu werden. Ganz konkret. Im Alltag. Mitmenschen
als Tankstellen für die Seele, nicht nur wenn es ganz schlimm wird, sondern
auch mal einfach so. Weil Mia es wert ist. Weil Mia verstehen will, was um sie
herum vorgeht. Aber kann man über ein so schwieriges Thema wie ein psychiatrische
Erkrankung eines Elternteils überhaupt mit einem Kind sprechen? Und ob! Wenn
man es ihr altersgerecht erklärt, versteht Mia nämlich einiges – sie ist ja
nicht dumm und muss sowieso schon (viel zu) viele Pflichten übernehmen. Und
Schritt für Schritt erhält das Schleuderprogramm ihres Lebens, in dem Gefühle
unkontrolliert durcheinander wirbeln, wieder verlässliche Rhythmen. Und dann
wird auch noch Mias größter Wunsch erfüllt – und zwar nicht als krönender
Abschluss, sondern als hoffnungsfroher Neubeginn.
***
Nun eine Anmerkung der Rezensentin, die aus meinem
persönlichen und politischem Hintergrund resultiert: Seit vielen Jahren
begleite ich immer wieder Kinder und Jugendliche aus teilweise schwierigen
häuslichen Verhältnissen. Jede Schlagzeile, die von ausgehungerten, total verwahrlosten
Kindern in Messi-Haushalten kündet, trifft mich ins Herz. Manchmal sterben
diese Kinder und es ist ein leiser Tod, denn ihnen fehlt die Kraft auf ihr Leid
aufmerksam zu machen. Ist der kleine Sarg abtransportiert, dann schreien dafür
die Medien umso lauter. Unterstützt von der wohlfeilen öffentlichen Empörung
weiß man dann schon, auf wen man mit dem Finger zu zeigen hat: auf die Ämter,
auf die Eltern – auf jeden Fall auf die anderen. Die Emotionen kochen hoch in
Leserbriefen, man stellt Kerzen und Plüschtiere auf und weint heftige
Krokodilstränen. Die Autorinnen von ‚Mama Mia und das Schleuderprogramm‘
betreiben keine Augenwischerei, schon gar nicht bei Krokodilstränen. Man muss
nicht zwischen den Zeilen lesen, um ihre Aufforderung zu erkennen: Augen auf und
hinschauen – und zwar über den eigenen Tellerrand. Kindern eine Anlaufstätte
bieten – und nicht zuletzt: die Bereitstellung von professioneller Hilfe.
Insofern fordert dieses Büchlein etwas ein, das von privater Seite nicht
geleistet werden kann und auf direktem Wege in die gesellschaftspolitische
Diskussion führt. Wenn Kinder wie Mia (körperlich) überleben, bleiben sie
nämlich oft genug im Schleudergang – und werden aus der Kurve getragen. Ein
Schleuderprogramm, das sich in der nächsten Generation fortsetzt. Das muss
nicht sein, führen uns die Autorinnen eindrücklich vor Augen. Aber: Stellenausbau
bei den vielgescholtenen Jugendämtern? Fehlanzeige – Stellenabbau ist
vielerorts das Gebot der Stunde. Was brauchen ‚unsere‘ Kinder (in unserer
Gesellschaft) noch? Zum Beispiel gut ausgebildete Lehrer in ausreichender Zahl,
erweiterte Schulsozialarbeit und verbesserten Zugang zu therapeutischer Hilfe.
In unserem reichen Land müssen Betroffene oft wochen- ja monatelang auf ein
erstes Beratungsgespräch warten. Mia und ihre Mutter, die durch eine Krankheit
durchs Leben geschleudert werden, haben diese Zeit nicht. Aber die Schaffung von
Ressourcen kostet Geld – Geld, das gut angelegt wäre, denn es entlastet die
sozialen Systeme in der Zukunft. Selbstverständlich verkneifen sich die
Autorinnen die Diskussion über diese Nachhaltigkeit, das ist auch nicht ihre
Aufgabe – man kann es aber zwischen den Zeilen lesen. Im Grunde genommen ist es
ein Aufruf, an eine solidarische Gesellschaft. Summa summarum: keine
Augenwischerei über wohlfeile Kindertragödien. Auch kein billiger Trost –
sondern eine verbesserte Wahrnehmung dessen, was für betroffene Familien getan
werden kann und getan werden muss. Ganz konkret. Mit Kopf, Herz und Hand. Und
mit Geld.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen